Die Geschichte von letzter Woche war schön und erfreulich, und man fragt sich natürlich, warum es dann so viele schlecht integrierte, der deutschen Sprache nicht mächtige, nicht arbeitende Flüchtlinge gibt, wenn man doch eigentlich nur die Chancen wahrnehmen muss, die man geboten bekommt.
Die Antwort ist verstörend und einfach: Man muss Glück haben. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist in Österreich für Geflüchtete nicht gewährleistet. Um das zu illustrieren, werde ich exemplarisch die Geschichte eines mir persönlich sehr gut bekannten jungen Mannes aus Afghanistan erzählen:
Mohammad A. (Name geändert) gehört der in Afghanistan verfolgten Minderheit der Hazara an. Er wächst in einer Kleinstadt auf, sein Vater ist Kommandant einer örtlichen Widerstandsgruppe. Mit 13 Jahren wird er von Taliban entführt und schwer misshandelt, es gelingt ihm aber zu entkommen.
Mit 18 zieht er nach Kabul, schließt ein Wirtschaftswissenschaftsstudium ab und beginnt zu arbeiten. Als er gerade 24 ist, bekommt er eine Warnung. Er muß Hals über Kopf alles verlassen und flüchtet über den Iran, die Türkei, Griechenland und die Balkanroute.
In Spielfeld betritt er Österreich und wird freundlich empfangen, 2015 ist man noch anständig gegenüber Schutzsuchenden. Ein Polizist sieht, wie erschöpft Mohammad ist und rät ihm zu bleiben und nicht nach Schweden weiter zu gehen, wie er ursprünglich vorhatte. Es schaut auch alles gut aus, er bekommt zunächst sogar eine Zusage von der FH auf einen Studienplatz, sobald er einen Aufenthaltstitel vorlegen kann. Dieser aber lässt auf sich warten.
Ein Jahr vergeht, bevor Mohammad das erste Mal von einem Richter vernommen wird. Die Befragung dauert mehrere Stunden, er gibt nach bestem Wissen und Gewissen detailliert Auskunft über seine Lebensumstände und seine Fluchtgründe. Nach weiteren sechs Wochen des Wartens endlich der Bescheid: negativ!
Beim Durchlesen des Protokolls stellt sich heraus, dass seine Aussagen falsch übersetzt und teilweise in ihr Gegenteil verkehrt worden sind. Der viele Seiten lange Text strotzt vor Ungereimtheiten wie etwa, es sei erwiesen dass Hazara in Afghanistan verfolgt seien, weshalb(!) es Mohammad A. ohne weiteres zumutbar sei, in sein Land zurückzukehren, es liege keine Grund vor, ihm Asyl zu gewähren! Er legt Beschwerde ein.
Was in den folgenden fünf Jahren geschieht, fasse ich kurz zusammen:
Mohammad schöpft alle Rechtsmittel aus. Österreichische Freunde kommen für die Anwaltskosten auf. Er selbst lebt von € 300.- im Monat, die der Staat einem Asylwerber gewährt, lernt hervorragend gut Deutsch, engagiert sich beim Roten Kreuz, tritt zum Christentum über. Dass er nicht arbeiten darf, ist für ihn eine Qual. Am Ende bekommt er, nach zwei weiteren zynischen Bescheiden, den Abschiebungsbescheid.
Das nächste halbe Jahr verbringt er, jetzt völlig mittellos, untergetaucht in einem winzigen Zimmer, das ihm jemand aus seinem österreichischen Bekanntenkreis überlassen kann. Dann kann er einen neuen Asylantrag stellen. In der Zwischenzeit haben die Taliban seinen Vater verschleppt und seine Mutter ermordet. Der Asylbescheid: negativ!
Ein fragwürdiges Glück im Unglück: Nicht einmal Österreich kann es sich erlauben, nach der Machtübernahme der Taliban Afghanen abzuschieben. Mohammad erhält also Subsidiären Schutz, das bedeutet, dass er vorläufig bleiben darf und für sich selbst aufkommen muss, was ihn doch ein wenig freut.
Er hat jetzt einen Hacklerjob, der recht gut bezahlt ist, und erhält damit seine vier verwaisten jüngsten Geschwister und sorgt, über die große Entfernung hinweg, für ihren Schutz und die Ausbildung wenigstens der beiden Buben. An eine Familienzusammenführung ist selbstverständlich nicht zu denken. Für das Masterstudium an der FH, das ihm jetzt endlich offen stehen würde, fehlt ihm die Kraft. Die Schicksalsschläge und die vielen Jahre, die der österreichische Staat ihm geraubt hat, haben ihn zermürbt.
Trotzdem: Mohammad A. wird sich wahrscheinlich ein einigermaßen gutes Leben aufbauen können, soweit das seine Traumata zulassen, er ist ungemein stark. Er ist nicht wahnsinnig geworden. Er ist nicht kriminell geworden. Er hat sich nicht das Leben genommen, wie viele andere – die Statistik schweigt darüber. Ein Mensch, der das schafft, verdient allerdings größte Hochachtung und Bewunderung.
Von Herzen grüßt
Veronika
Ein Kommentar
Nicht auszudenken, wie viele ähnliche Schicksale es gibt und noch geben wird! Wenn ich lese, dass falsch übersetzt wurde, wird mir plötzlich klar, warum auch in (mir gut bekannten) anderen Fällen rigoros negativ beschieden wurde, weil „im Herkunftsland keinerlei Gefahr drohen würde, und es dem Antragsteller durchaus zumutbar ist, dort in Sicherheit zu leben!“ Aufgrund des aktuellen Gerichtsbescheid, dass mittlerweile eine Rückkehr für Afghanen zumutbar ist, wird sich möglicherweise wieder Einiges ändern. Obwohl ich glaube, dass es so einfach, wie IM Karner der Bevölkerung gerne glauben machen möchte (schließlich lechzt er nach Wählerstimmen!) ganz und gar nicht werden wird, Afghanen abzuschieben. Wie auch immer: Menschlich ist Politik in unserem Land schon lange nicht mehr…